Wer alles entlasten will, entlastet am Ende die Falschen
Disclaimer
Bei dem nachfolgenden Artikel handelt es sich um einen Meinungsbeitrag des jeweiligen Autors, der nicht zwingend die Position der Partei FOKUS widerspiegelt. Wir stehen für Diskussionsvielfalt und halten es deswegen für wichtig, hier auch anderen Meinungen den ihnen gebührenden Platz einzuräumen.
Könnten wir bitte einmal kurz innehalten und ehrlich darüber sprechen, was wir vom Staat eigentlich erwarten?
Die Spritpreise steigen, und reflexartig werden wieder Forderungen laut: Der Staat soll eingreifen, deckeln, entlasten. Möglichst sofort, möglichst umfassend. Klingt fürsorglich. Ist aber bei genauerem Hinsehen vor allem eines: kurz gedacht.
Schauen wir uns die Realität an.
Wie hoch ist eigentlich der tatsächliche Impakt auf die Verbraucher?
Am 1. Januar 2026 lagen die Spritpreise in Luxemburg bei 1,41 € pro Liter Super 95, bei Super Plus waren es 1,54 € und bei Diesel 1,39 €. Heute, am 1. April 2026, sind wir bei 1,76 € pro Liter Super 95, 1,86 € für Super 98 und 2,01 € für Diesel. Sicher, die prozentuale Verteuerung ist enorm. Aber schauen wir uns das doch einmal in absoluten Zahlen an.
In Luxemburg beträgt der durchschnittliche Weg zur Arbeit für in Luxemburg wohnhafte Arbeitnehmer 16,7 Km, für im Ausland wohnhafte Arbeitnehmer sind es zwischen 44,7 (Frankreich), 48 Km (Deutschland) und 53,9 Km (Belgien). Über alle Arbeitnehmer gerechnet ergibt sich ein Durchschnitt von 30,6 Km (Quelle: ACL).
Im Durchschnitt fahren Luxemburg’s Arbeitnehmer (oder zumindest die, die nicht auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen wollen oder können) also rund 60 Km pro Tag für den Hin- und Rückweg zur Arbeit. Bei Durchschnittsverbräuchen um die 7 Liter und einer 5-Tage-Woche ergibt sich daraus ein Kraftstoff-Verbrauch von rund 90 Liter pro Monat (wohlgemerkt nur für den Arbeitsweg).
Daraus wiederum ergibt sich eine Mehrbelastung gegenüber dem 1. Januar 2026 in Höhe von rund 30 € bis 100 € pro Monat (abhängig vom Kraftstofftyp und der Entfernung zum Arbeitsort).
Geringverdiener müssen entlastet werden, aber die Gießkanne ist nicht gefragt
Natürlich ist das nur die Spitze des Eisbergs, dazu kommen weitere Folgen der höheren Energiepreise, beispielsweise auf Heizkosten und Lebensmittelpreise. Und damit ist die Situation für Geringverdiener alles andere als trivial.
Aber diese soziale Abfederung ist in Luxemburg längst Realität. Neben der Indexregelung, die die Gehälter automatisch an die Inflation anpasst, gibt es eine Teuerungszulage und eine Energieprämie für geringverdienende Haushalte (ein Online-Tool dazu gibt’s hier beim FNS). Dazu kommt ein bei Bedarf angepasster Mindestlohn, der derzeit bei 3.244,48 € für qualifizierte und bei 2.703,74 € für unqualifizierte Arbeitnehmer liegt und zum 1. Januar 2027 um 3,8 % steigen soll (Quelle: wort.lu).
Deswegen jetzt die große Gießkanne fordern und vom Staat eine Deckelung der Spritkosten einzufordern, erscheint zumindest etwas übertrieben. Denn damit würden neben den Haushalten, die es wirklich benötigen, auch die (wohl deutlich größere) Mehrheit entlastet werden, die sich die Mehrkosten deutlich eher leisten können. Und es würde daneben auch diejenigen entlasten, die hierzulande zwar tanken, aber nicht arbeiten.
Die eigentliche Herausforderung besteht also eher darin, Unterstützung gezielt dort einzusetzen, wo sie wirklich gebraucht wird statt sie breit zu verteilen. Große Worte ändern daran nichts, die Realität bleibt dieselbe. Vielleicht sollten all die, die jetzt staatliche Eingriffe fordern, an dieser Stelle einmal innehalten und über das Prinzip der Solidarität nachdenken.
Sollte der Staat Rundum-sorglos-Angebote machen?
Es ist nicht die Rolle des Staates, seinen Bürger alle Sorgen und Risiken abzunehmen. Sicher, ein auf dem Solidaritätsprinzip aufgebauter Staat soll und muss soziale Härten abfedern. Aber er soll nicht im Stil von Helikopter-Eltern über den Köpfen seiner Bürger kreisen und ihnen überfürsorglich jede Last im Leben abnahmen.
Denn ein Staat, der so etwas tut, fördert langfristig eine Haltung, in der Verantwortung zunehmend ausgelagert wird. Gerade in schwierigen Zeiten brauchen wir aber das genaue Gegenteil davon, nämlich verantwortungsbewusste und resiliente Bürger, die gerade in Krisenzeiten ihre Eigenverantwortung wahrnehmen und ihre Probleme selbst adressieren können.
Ein Beispiel aus der vielbeschworenen sogenannten „guten alten Zeit“, die Populisten so gerne glorifizieren, wäre übrigens die erste Ölkrise in den 1970er-Jahren. Damals reagierte der Staat mit Fahrverboten, Tempolimits und Aufforderungen, weniger zu heizen. Finanzielle Hilfen gab es nur für wenige Bedürftige. Später wurden die Vorgaben für Heizungseffizienz und Gebäudedämmung verschärft.
Seitdem hat sich die Sichtweise der Politik offenbar verschoben, Politiker werden von der Angst getrieben, den Bürgern etwas zumuten zu müssen, Und Populisten nutzen das weidlich aus und treiben die Regierungen mit immer neuen Forderungen in immer neu Kreisläufe der Regulierung. Es wird höchste Zeit für mehr Ehrlichkeit in der Politik und in der Gesellschaft.
Wir werden akzeptieren müssen, dass sich politische Konflikte nicht mit immer mehr Geld entschärfen lassen. Weil wir nämlich das dafür notwendige Geld schlicht nicht mehr haben.
Wir können nicht alle Probleme lösen
Die Regierungen werden sich daran gewöhnen müssen, den Bürgern mehr Wahrheit zuzumuten. Und dafür könnte die gerade durch den Iran-Krieg ausgelöste Energiekrise durchaus eine Blaupause liefern.
Die Wahrheit ist, dass alles, was fossile Treibstoffe verbrennt, teurer werden wird. Und zwar auch ohne geopolitische Krisen. Biogase und E-Fuels werden nie so günstig werden, dass es finanziell sinnvoll ist, jetzt noch weiter Verbrenner-Autos und Gasheizungen zu kaufen. Ganz gleich, was Lobbyisten sagen.
Das heißt nicht, dass sich niemand mehr großvolumige Verbrenner-Motoren und ähnliche Spielereien mehr kaufen sollte. Aber wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass der Staat als Vollkaskoversicherung einspringt, wenn’s mal nicht so wie gewünscht läuft.
So viel Wahrheit muss die Regierung den Bürgern zumuten.




